1. Einführung
Seit Unterricht im Schreiben nach der Tastmethode erteilt wird, versucht man, den damit verbundenen Lernaufwand zu optimieren und gleichzeitig die anzutrainierenden Kenntnisse und Fertigkeiten auf eine sichere Grundlage zu stellen. Bei der sog. herkömmlichen Methode kennen wir unterschiedliche Vorgehensweisen, die darauf abzielen, dieses Ziel zu erreichen. Ich erinnere nur an die allen bekannten Methoden des Fingerprinzips, Reihenprinzips, des korrespondierenden Prinzips, der diametralen Korrespondenz, Eingriff-, Zweigriff-, Mehrgriffmethode usw.
Mit fortschreitender Technik und dem damit verbundenen stärkeren Medieneinsatz im Unterricht wurden auch Erkenntnisse der Typenlehre im Unterricht umgesetzt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang insbesondere an den Einsatz audiovisueller Medien bei der Erlernung der Griffwege des Tastenfeldes. Hierbei wurden sowohl die vorwiegend auditiv als auch die vorwiegend visuell geprägten Typen angesprochen. Die Vorgehensweisen brachten ihre Erfolge, bedingten jedoch einen aufwendigen Einsatz technischer Medien. Eines der Hauptanliegen, nämlich die Effektivierung und Verkürzung der Lernprozesse, wurde damit jedoch nicht erreicht.
Wenn wir uns einmal vor Augen führen, mit welchen Zielen die Didaktiker, Methodiker und Lernpsychologen die Prozesse des Lernens und Lehrens erforschen, so sind in erster Linie folgende gesellschaftliche Anforderungen zu erfüllen:
Die Forschungen implizieren, dass nicht nur Lernprozesse näher erforscht werden, sondern auch sensumotorische. Die Fertigkeiten, die durch sensumotorische Lernprozesse erworben werden, spielen in vielen Tätigkeitsfeldern eine Rolle, z. B. auch im Tastschreiben.
2. Was wird eigentlich beim Tastschreiben erlernt?
Beim Erlernen des Tastschreibens handelt es sich um einen sehr komplexen Lernvorgang auf unterschiedlichen Regulationsebenen. Ein wichtiges Unterrichtsziel besteht darin, die spezielle Fertigkeit des Tastschreibens zu erlangen. Dies ist jedoch nur zu erreichen, wenn diese Fertigkeit in ein Können eingebettet ist, und zwar Beherrschung der Sprache, in der die maschinenschriftliche Niederschrift ausgeführt wird (Lesen, Schreiben, Syntax etc.), Beherrschen der Regeln (Schreib- und Gestaltungsregeln für die Textverarbeitung DIN 5008, DIN 676), das jeweilige Fachgebiet muss beherrscht werden, ebenso die Technik der Maschine, des Arbeitsplatzcomputers usw. Die Fertigkeit des Tastschreibens ist also Hilfsmittel, um externe Informationen effektiv auf Papier oder elektronischen Datenträgern speichern zu können.
Beim Lehren des Tastschreibens müssen wir uns die Einzelheiten, die dem Schüler beizubringen sind, bewusst machen. Nur so können wir den geeigneten methodisch-didaktischen Weg für den Lehr- und Lernprozess beschreiten. Wir verdeutlichen uns, was der Lernende bei der Erlernung des Tastschreibens an komplexen Informationen nicht nur aufnehmen, sondern auch verarbeiten, speichern und reproduzieren muss:
3. Der sensumotorische Lernprozess beim Tastschreiben
Den beim Tastschreiben stattfindenden Bewegungsabläufen liegt ein sensumotorischer Lernprozess zugrunde; ebenso ist dies beispielsweise beim Autofahren, Radfahren, Schwimmen, beim Spielen eines Instrumentes oder auch beim handschriftlichen Schreiben. Sind diese Tätigkeiten als Bewegungsprogramme verinnerlicht, so laufen sie bei der Reproduktion ohne bewusste Steuerung ab, d. h. automatisiert. Die Psychologie nennt diese automatisierten Handlungsabläufe Fertigkeiten. Das Bewusstsein wird entlastet, und Denken und Handeln können sich auf das Wesentliche konzentrieren. Beim Tastschreiben kann die Aufmerksamkeit sich auf Inhalt, Stil, Form etc. richten, ja im Extremfall sogar dazu führen, sich gedanklich mit völlig anderen Inhalten zu befassen.
Nur durch Handeln bilden sich Fertigkeiten heraus. Häufige und wenig wechselnde Wiederholungen der zu erlernenden Handlungssequenzen führen zur gewünschten Automatisierung des Handlungsablaufes. Das anfänglich langsame und auch fehlerhafte Ertasten auf der Tastatur wird mit zunehmender Übung flüssiger, ökonomischer und sicherer. Aufgrund gespeicherter Rückkopplungsmechanismen werden beim Einüben Fehler erkannt und korrigiert. Beim Tastschreiben stellen sich drei verschiedene Rückkopplungsmechanismen dar: nämlich das visuelle, das propriozeptive und das auditive Feedback. Vom Beginn des Erlernens des Tastschreibens sollte darauf geachtet werden, dass die Steuerung der Hände und Finger nicht mit visueller Unterstützung erfolgt. Die propriozeptive Steuerung, d. h. die Steuerung über Rezeptoren in den Muskeln, Gelenken und der Hautoberfläche von Händen und Fingern ist von Anfang an vorzuziehen. Visuelle Kontrollen sollten nur dann erfolgen, wenn Fehler gehäuft auftreten, insbesondere auch Wiederholungsfehler, um die tatsächlich ausgeführten Bewegungen den gewünschten anzugleichen. Mit fortschreitender Übung müssen Kontrolle und Rückmeldung ausschließlich propriozeptiv und visuell durch den Blick auf die Vorlage erfolgen. Nur so sind hohe und höchste Schreibleistungen mit der gewünschten Sicherheit zu erreichen.
Das Ergebnis des konsequent zu Ende geführten Trainings ist die Speicherung von Bewegungsprogrammen im Gehirn. Die nun visuell oder auditiv erfassten Wörter stellen dann Signale dar, die diese Bewegungsprogramme im Sinne der Stimulus-Reflex-Theorie (Reiz-Reaktions-Theorie) abrufen und auslösen. Die Überlegenheit des sicheren Tastschreibers gegenüber dem ungeübten „Tastengucker„ besteht nicht nur darin, dass er aufgrund seiner Sicherheit flüssiger und ökonomischer „blind schreibt„, sondern vor allem darin, dass er auf dieser Basis eine höher Schreibleistung ohne höheren Aufwand erreicht. Während der ungeübte Schreiber die Bewegungsprogramme erst beim Schreiben generiert, sind diese Abläufe beim sicheren Schreiber gespeichert und werden von ihm in großer Geschwindigkeit beim Schreiben schon für die folgenden Bewegungsabläufe bereit gestellt.
Um das Tastschreiben effektiv und rationell zu erlernen, müssen die Erkenntnisse der Methodik und Didaktik sowie der modernen Lernpsychologie angewendet werden. Die Ausbildung einer vollständigen Orientierungsgrundlage für den Lernenden ist unerlässlich. Die Lernpsychologie versteht hierunter die Vorwegnahme der objektiven Komponenten dieser Handlung. Dem Lernenden wird bewusst, was erlernt, wie er es erlernen soll und wozu das Erlernte dient. Für das Tastschreiben heißt das:
Die Schaffung einer solchen Orientierungsgrundlage kann vom Lehrer durch unterschiedliche pädagogisch-psychologische und methodisch-didaktische Maßnahmen unterstützt werden, z. B. durch Instruktionen, Hinweise, Demonstrationen, Vorstellung von Vorgehensweisen etc. Die Schaffung einer soliden Orientierungsgrundlage verbessert, ja sichert, den angestrebten Lernerfolg.
Ich komme nun zum sog. mentalen oder ideomotorischem Training. Die Bezeichnung lässt erkennen, dass hierbei Bewegungssequenzen nicht praktisch ausgeführt sondern vielmehr gedanklich erfasst und durchgespielt werden. Experimentell ist erwiesen, dass allein durch das Vorstellen oder Denken einer Bewegung/eines Bewegungsablaufs die dafür zuständigen Muskeln und Nerven aktiviert werden. Es kommt zu kaum spürbaren Muskelaktionen. Die Speicherung der gewollten Bewegungsabläufe wird unterstützt. Ebenso werden die Rückkoplungsmechanismen besser ausgebildet. Durch das mentale Training wird das Erkennen (die Sinneswahrnehmung) für propriozeptive Reize entwickelt und gestärkt. Beim Tastschreiben ist es von großer Wichtigkeit, dass der Lernende z. B. seine Finger und Hände unterscheiden und sinnlich zuordnen kann.
Einschränkend muss man jedoch auch erwähnen, dass ausschließlich mental durchgeführtes Training dem praktischen unterlegen ist und Realitätsverluste mit sich bringen kann.
Die Kombination von mentalem Training mit praktischer Anwendung bietet sich an und ist wiederum dem alleinigen praktischen Training überlegen.
Zuvor wurde schon ausgeführt, welche Möglichkeiten des Feedbacks (der Rückkopplung) existieren. Der erfahrene Lehrer der Textverarbeitung wird diese Möglichkeiten für seinen Unterricht nutzen und dem Lernenden auch mitteilen und begründen
Zu Beginn des Unterrichts ist dem Lernenden die Einsicht zu vermitteln, dass ständiges Pendeln zwischen Vorlage, Tastatur und Kopie die angestrebte und mühsam aufgebaute Reiz-Reaktions-Kette ständig wieder unterbricht und eine dauernde Neuorientierung erforderlich macht. Dem Lernenden wird klar, dass dadurch die Unsicherheit steigt, Fehler übersehen werden und die Schreibgeschwindigkeit gebremst wird. Er muss erkennen, dass die Augen einen Ruhepunkt benötigen, um den visuellen Reiz als erstes Glied der Reiz-Reaktions-Kette zu erfassen und weiterzugeben.
Im Folgenden will ich eine Methode des (vorwiegend) mentalen Trainings zur Erlernung der Griffwege der Tastatur vorstellen:
In erster Linie wurde aus Gründen der Zeitökonomie nach Wegen gesucht, die Erlernung des Tastschreibens effektiver zu gestalten. Es gibt mehrere Ansätze dies mit Hilfe des mentalen Trainings zu erreichen.
Die Methode fiellascript sieht die Erlernung des Tastschreibens - ebenso wie bei der konventionellen Methode - durch schrittweise Aneignung einzelner Griffwege vor. Hierbei werden jedoch die einzelnen Schritte in Phasen gegliedert, die sich gegenseitig durchdringen und miteinander gekoppelt sind. Mit Hilfe einer Tastaturschablone und einer Tabelle lernt der Schüler einen Teil der Tastatur und die Zuordnung. Die einzelnen Phasen, deren Abschnitte in der Tabelle durch Ankreuzen markiert werden sind:
Buchstabe -> Hand/Finger -> Taste
Der Lernende soll sich den Bewegungsablauf bis in die Fingerspitzen vorstellen, und zwar ganz bewusst ohne ihn real auf der Tastatur zu vollziehen. Die eindeutige Zuordnung erfolgt durch ein Koordinatensystem. Die gedächtnismäßige Speicherung geschieht durch die konsequente Wiederholung des Vorgangs.
In der nächsten Phase erfolgt durch den Umkehrschluss der Handlung das Feedback. Nachdem der Lernende durch den Einsatz des Koordinatensystems den Griff mental gespeichert hat (Tastaturseite, Finger, Farbe, Tastenlage) und eine Kontrolle auf Richtigkeit durchgeführt wurde, wird nun die Vorgabe des Buchstabens/Zeichens abgedeckt und er muss aus den Angaben der Tastaturseite, des Fingers, der zugeordneten Farbe und der angegebenen Tastaturreihe erkennen, um welchen Buchstaben/Zeichen es sich handelt.
Kontrolle und Handlungsumkehr bilden jetzt die nachstehende Kette:
Buchstabe -> Hand/Finger -> Taste
Hierbei erfolgt die Kontrolle durch den Lernenden selbst. Nachdem Struktur und Zuordnung erlernt sind, wobei ein Lernelement immer den gesamten Bereich zweier korrespondierender Finger umfasst (gleichzeitige Korrespondenz, Fingerprinzip), erfolgt eine kurzes praktisches Training am Gerät. In den ersten Lernelementen werden durch das Eingeben einzelner Buchstaben die gespeicherten Bewegungsabläufe geprüft. Wird ein Griff falsch ausgeführt, so erscheint im unteren Bildschirmteil die Systemspaltensystematik mit der schrittweisen Angabe der Bewegungsablaufphasen. Die Eingabe eines falschen Zeichens ist nicht möglich; der Lernende macht sich vielmehr den Ablauf der einzelnen Phasen nochmals bewusst und führt den Griff fehlerfrei aus. Diese praktischen Übungssequenzen sind bewusst kurz gehalten und beschränken sich anfangs auf einzelne Buchstaben und Wörter, später auf kleinere Sätze. Neben dem Training der gespeicherten Bewegungsabläufe wird hierbei noch ein weiterer Anspruch zeitgemäßen Unterrichts erfüllt. Durch den Wechsel der Lehrmethode wird der Unterricht aufgelockert. Der Lernende hat nicht den Eindruck, nur mental arbeiten zu müssen. Vielmehr bewirkt dieser Methodenwechsel die Erhöhung der Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft. Nach wenigen Lernsequenzen für die Erlernung der Griffwege der Tastatur ist der Lernende in der Lage, von Anfang an grammatisch richtig und nach der 10-Finger-Tast-Methode zu schreiben. Wie beim Autofahren erfolgt die Aneignung der weitergehenden Sicherheit (in unserem Falle auch Schreibgeschwindigkeit) durch die Übungspraxis.
4. Welche Vorteile bietet dieses System gegenüber der konventionellen Methode?
Zuerst ist hier die hohe Zeitökonomie zu nennen, die heute im Grunde Vorgabe für viele Unterrichtsinhalte ist. Das mentale Training verzichtet weitgehend auf praktische Übungsserien und gibt dem Lernenden mehr Sicherheit bei der Zuordnung der Griffe. Da die Griffwege der Tastatur schneller erlernt werden, kann mit den Schreib- und Gestaltungsregeln für die Textverarbeitung ebenfalls früher begonnen werden.
Der Einzelne wird individuell besser gefördert, da er zum großen Teil sein Arbeitstempo selbst bestimmen kann. Der Lernprozess ist methodisch vielfältiger zu gestalten. Übungsschwerpunkte können vom Lernenden selbst gesetzt werden.
Die erwünschte Fertigkeit wird durch die kombinierte Vorgehensweise erreicht. Für den Lernenden folgt daraus ein intensiveres Erleben des Lernprozesses. Die sensorische Rückkopplung bewirkt ein bewussteres Blindschreiben.
Durch die Erhöhung des Bewusstseinsgrades des Lernprozesses wird der Beigeschmack der „Dressur" gemildert. Die Motivation bleibt auf einem hohen Level, und es werden Transfermöglichkeiten zur Aneignung anderer sensumotorischer Fertigkeiten geschaffen.
Quellenhinweise:
Dr. Klaus Ramming, 10-Finger-Tastschreiben lernen mit der fiellascript-Methode
Er soll also in der Lage sein, visuell oder auditiv erfassten Text mit hoher Anschlagsgeschwindigkeit und geringem Fehlerprozentsatz auf einer Tastatur zu reproduzieren.
Schwalmstadt 1995
Volpert, Walter; Sensumotorisches Lernen, 4. Auflage;
Fachbuchabteilung für Psychologie, Frankfurt am Main 1983
Ungerer, Dieter; Zur Theorie des sensumotorischen Lernens;
Verlag Karl Hofmann, Schorndorf bei Stuttgart 1977
Enzyklopädie für Psychologie, Psychomotorik;
Hogrefe Verlag für Psychologie, Göttingen 1994
Hacker, Winfried; Arbeitspsychologie;
VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1986
Pöhlmann, Rilo; Motorisches Lernen;
Sportverlag, Berlin 1986
Pippig, Günter u. a.; Pädagogische Psychologie;
Verlag Volk und Wissen, Berlin 1988
Lompscher u. a.; Persönlichkeitsentwicklung in der Lerntätigkeit;
Verlag Volk und Wissen, Berlin 1985
Cooper, William E.; Cognitive Aspects of skilled typewirting;
Springer Verlag, New York 1983